Die EU-Kommission hat das Lithiumprojekt Zinnwald und AMGs Lithium-Raffinerie- und Recyclingstandort in Bitterfeld zu strategischen Projekten nach dem Critical Raw Materials Act erklärt. AMG erhält damit politische Unterstützung, schnellere Verfahren und bessere Chancen auf öffentliche Finanzierung.
Für die Bürgerinitiativen im Osterzgebirge bleibt jedoch die entscheidende Frage offen: Wer bekommt das Lithium, für dessen Abbau die Region die Folgen tragen soll?
Der CRMA-Status verpflichtet AMG nicht, das Zinnwald-Lithium ausschließlich an europäische Unternehmen zu liefern. Ein Exportverbot gibt es nicht. Auch eine öffentlich bekannte Garantie, dass der Rohstoff vollständig in Deutschland verarbeitet und dauerhaft für die europäische Industrie verwendet wird, fehlt bislang.
Der chinesische Partner steht bereit
Diese Lücke ist relevant, weil AMG bereits enge Geschäftsbeziehungen nach China unterhält. Lithiumkonzentrat aus der brasilianischen AMG-Mine wird überwiegend an chinesische Kunden verkauft. Außerdem hat AMG eine Zusammenarbeit mit Beijing Easpring vereinbart. Der chinesische Konzern soll Lithiumhydroxid aus der AMG-Raffinerie in Bitterfeld abnehmen.
Easpring errichtet seine Kathodenfabrik zwar in Finnland. Doch 70 Prozent der Projektgesellschaft gehören Beijing Easpring; lediglich eine Minderheit liegt bei der staatlichen Finnish Minerals Group. Der Standort ist europäisch, die unternehmerische Kontrolle damit überwiegend chinesisch.
Gleichzeitig verlagern chinesische Autohersteller wie BYD und Chery ihre Produktion nach Europa. Ein wichtiger wirtschaftlicher Effekt: Die EU-Sonderzölle gelten für aus China importierte Elektroautos, nicht in gleicher Weise für Fahrzeuge, die innerhalb Europas hergestellt werden. Damit besteht die Gefahr, dass chinesische Konzerne nicht nur einzelne Fabriken errichten, sondern schrittweise eine weitgehend geschlossene Wertschöpfungskette in Europa aufbauen – vom Zugang zu Lithium über Kathoden und Batterien bis zum fertigen Fahrzeug.
Vor diesem Hintergrund muss gefragt werden, welche Rolle Zinnwald darin spielen soll. Wird das Lithium aus dem Osterzgebirge mit Unterstützung des CRMA Teil einer tatsächlich eigenständigen europäischen Industrie? Oder subventioniert und beschleunigt die EU eine Lieferkette, die zwar geografisch in Europa liegt, deren strategische Kontrolle und wirtschaftlicher Nutzen aber zunehmend bei außereuropäischen Konzernen liegen?
Eine solche Entwicklung könnte die europäische Auto- und Zulieferindustrie doppelt unter Druck setzen: Chinesische Hersteller würden Importzölle durch lokale Produktion umgehen und zugleich Zugang zu europäischen Rohstoffen, Fördermitteln und Infrastruktur erhalten. Die Umweltbelastungen blieben in den betroffenen Regionen, während wesentliche Gewinne und Entscheidungen außerhalb Europas konzentriert wären.
Dass dieses Szenario bereits feststeht, ist nicht belegt. Gerade deshalb müssen AMG, die EU-Kommission und die Bundesregierung offenlegen, welche Abnehmer für das Zinnwald-Lithium vorgesehen sind und welche Sicherungen verhindern, dass europäische Rohstoffpolitik am Ende vor allem den Aufbau einer chinesisch kontrollierten Wertschöpfungskette in Europa finanziert.
Es gibt keinen Beleg dafür, dass Zinnwald offiziell zur chinesischen Belt-and-Road-Initiative gehört. Der Begriff „Seidenstraße“ beschreibt deshalb eine Befürchtung: Könnte das Osterzgebirge mit Unterstützung der EU zum Rohstofflieferanten einer weiterhin chinesisch kontrollierten Batteriekette werden?
Die Risiken bleiben in der Region
Während AMG später über die Vermarktung entscheidet, verbleiben die konkreten Belastungen im Osterzgebirge: Eingriffe in Landschaft und Wasserhaushalt, zusätzliche Industrieanlagen und Verkehrsströme sowie mögliche Auswirkungen auf Natur, Tourismus und das grenzüberschreitende Welterbe.
Die Menschen vor Ort sollen diese Risiken im Namen europäischer Versorgungssicherheit akzeptieren. Gleichzeitig ist nicht verbindlich geregelt, welcher Anteil des Lithiums tatsächlich der europäischen Industrie zugutekommt.
Der CRMA-Status kann dieses Ungleichgewicht sogar verschärfen. Genehmigungsverfahren sollen schneller und berechenbarer werden. Aus Sicht der Bürgerinitiativen stellt sich daher die Frage, ob Einwendungen weiterhin ergebnisoffen geprüft werden oder ob die politische Einstufung als „strategisch“ die wesentliche Entscheidung bereits vorwegnimmt.
Schimmelbusch und die alte Metallgesellschaft
Hinter AMG steht mit Heinz Schimmelbusch einer der erfahrensten, aber auch umstrittensten deutschen Rohstoffmanager. Von 1989 bis 1993 leitete er die traditionsreiche Frankfurter Metallgesellschaft. Der Konzern geriet 1993 infolge umfangreicher Öl- und Termingeschäfte seiner US-Tochter in eine existenzbedrohende Krise. Schimmelbusch verließ die Unternehmensführung; über die Verantwortung und die verlustreiche Auflösung der Absicherungspositionen wurde später kontrovers gestritten.
Ende der 1990er-Jahre begann Schimmelbusch gemeinsam mit dem US-Investmentfonds Safeguard International erneut, metallurgische Unternehmen in Europa und Nordamerika zusammenzuführen. Aus diesem Beteiligungsportfolio entstand 2006 die heutige AMG Critical Materials.
AMG ist rechtlich eine niederländische Aktiengesellschaft, besitzt aber eine zentrale Konzernadresse in Pennsylvania und wird international geführt. Zinnwald befindet sich damit zwar in Deutschland – die Entscheidungen über Finanzierung, Verarbeitung und Verkauf des Rohstoffs werden jedoch nicht im Osterzgebirge getroffen.
Die Geschichte der Metallgesellschaft beweist kein Fehlverhalten beim Projekt Zinnwald. Sie zeigt aber, wie wichtig Transparenz und öffentliche Kontrolle bei einem Rohstoffprojekt dieser Größenordnung sind.
Offene Fragen vor weiteren Genehmigungen
Bevor Verfahren beschleunigt oder weitere öffentliche Mittel bewilligt werden, müssen AMG und die zuständigen Behörden verbindlich beantworten:
- Wird das Zinnwald-Lithium vollständig in Deutschland verarbeitet?
- Welche Unternehmen erhalten die Produktion?
- Kann Lithium oder Lithiumhydroxid nach China geliefert werden?
- Welche öffentlichen Mittel fließen in das Projekt?
- Welche Gegenleistungen und Lieferbindungen verlangt die öffentliche Hand?
- Wer haftet langfristig für Umweltschäden und Bergbaufolgen?
Solange diese Antworten fehlen, ist das Misstrauen in der Region nachvollziehbar. Es darf nicht geschehen, dass die Bevölkerung die ökologischen und gesellschaftlichen Kosten trägt, während ein internationaler Konzern frei entscheidet, wohin der strategische Rohstoff verkauft wird.
Wer europäische Rohstoffsouveränität verspricht, muss garantieren, dass Zinnwald nicht nur in Europa abgebaut wird, sondern nachweisbar Europa und der betroffenen Region zugutekommt.
Unsere Ablehnung bleibt bestehen
Unabhängig davon, ob das Lithium nach China, an europäische Unternehmen oder an die deutsche Automobilindustrie geliefert werden soll, lehnen wir den geplanten Abbau in Zinnwald weiterhin entschieden ab. Die Frage nach den späteren Profiteuren ändert nichts an den aus unserer Sicht untragbaren Folgen für die Menschen, den Wasserhaushalt, die Natur, die Landschaft und das grenzüberschreitende Welterbe im Osterzgebirge. Eine angeblich europäische oder deutsche Wertschöpfung macht diese Eingriffe weder notwendig noch verantwortbar. Unsere Kritik an möglichen chinesischen Interessen ist daher kein Plädoyer für einen Abbau zugunsten deutscher Konzerne. Wir wenden uns gegen das Bergbauprojekt selbst. Gesundheit, Lebensqualität und der dauerhafte Schutz unserer Heimat dürfen nicht wirtschaftlichen oder geopolitischen Interessen geopfert werden.

